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Das Pilotprojekt Bruck am Hammer


von Eva Habel, Heimatpflegerin der Sudetendeutschen 1999-2008 (erschienen in der Sudetendeutschen Zeitung, 8. August 2003)


Ende Juli wurde in Bruck am Hammer/Brod nad Tichou (südlich von Plan/Planá) während der Jakobiwallfahrt eine Ausstellung über die früheren und heutigen Bewohner des Dorfes vorgestellt. Deutsche Wallfahrer und tschechische Dorfbewohner zeigten sich äußerst interessiert.

Die Ausstellung wurde am Nachmittag des 25. Juli im alten Pfarrhaus in Bruck gezeigt, Samstag und Sonntag dann beim Heimatkreistreffen der Plan-Weseritzer in Mähring. Allein an dem Nachmittag in Bruck kamen über 150 deutsche und tschechische Besucher. Ganz überwiegend wurde die Ausstellung positiv aufgenommen, auch von Menschen, die dem Projekt zunächst skeptisch gegenüber gestanden waren. Auffallend war auch, dass erstmals eine große Gruppe von Tschechen, überwiegend Jugendliche, an der Messe in der Brucker Pfarrkirche teilnahm. Nach Mähring wurde die Ausstellung wieder im Pfarrhaus installiert und war dort für mehrere Wochen zu sehen. Auch in dieser Zeit erfreute sie sich regen Zuspruchs.

Die Ausstellung wurde in den letzten beiden Jahren unter der Leitung von Dr. Eva Habel, Heimatpflege rin der Sudetendeutschen, Dr. Kristina Kaiserová, Universität Aussig/Ústí nad Labem und Jan ©ícha, Direktor des Tschechischen Zentrums München, erarbeitet. Das Projekt wurde gefördert vom Bayerischen Sozialministerium/Haus des deutschen Ostens, von der Bundesbeauftragten für Angelegenheiten der Kultur und Medien und von der Ernst-Pietsch-Stiftung Deggendorf.

Begonnen hat das Projekt im Juli 2001. Deutsche und tschechische Studentinnen und Studenten der Universitäten Passau und Aussig trafen sich in Bruck, um mit ehemaligen und heutigen Bewohnern lebensgeschichtliche Interviews zu führen. Anläßlich der Jakobiwallfahrt waren viele deutsche Bruckauer in ihre alte Pfarrei zurückgekehrt und stellten sich ebenso wie die tschechischen Bewohner zu ausführlichen Gesprächen zur Verfügung.

In den folgenden zwei Jahren fuhren die tschechischen Projektteilnehmer mehrfach nach Bruck, um weitere Lebenserinnerungen aufzuzeichnen. Auch auf deutscher Seite führte eine Studentin, Susi-K. Reimann, zusätzliche Zeitzeugengespräche durch. Sie ergänzte diese durch Interviews mit der zweiten Generation der Vertriebenen, aus denen auch ihre Magisterarbeit entstand. Eine tschechische Studentin, Vera Jelínková, arbeitet derzeit an ihrer Diplomarbeit über die Neubesiedlung Brucks nach der Vertreibung der Deutschen.

Die Interviews wurden auf Kassetten aufgenommen und anschließend Wort für Wort abgeschrieben. Diese Transkription gehört zum aufwendigsten Teil einer solchen Arbeit: sie muss absolut korrekt sein und darf keine Hör- oder Verständnisfehler enthalten, denn die spätere Auswertung muss sich nahezu ausschließlich auf den geschriebenen Text stützen. Alles andere wäre viel zu zeitaufwendig. Für das Abschreiben der Interviewbänder muss bis zum Zehnfachen der Zeit gerechnet werden, die das Interview selbst gedauert hat.

Anschließend mußten die wichtigen Textteile ins Tschechische bzw. ins Deutsche übersetzt werden. Nach und nach kam so eine Menge Material zusammen, das die Grundlage für die Ausstellungstexte bildete. Die Originalmitschriften wurden anonymisiert, vorsichtig gekürzt und zu einer vorläufigen Version zusammengestellt. Sie wurde nun in Bruck und anschließend in Mähring den Besuchern von Wallfahrt und Heimatkreistreffen zur Diskussion gestellt.

In chronologischer Reihenfolge führen die Zitate durch acht Jahrzehnte der Geschichte Brucks und seiner Bewohner. Natürlich können sie keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Vieles ist bereits in Vergessenheit geraten, manches wollten die Interviewpartner den fremden Wissenschaftlern nicht erzählen. Und natürlich entspricht nicht alles, was die Menschen in den Interviews sagen, der historischen Wahrheit. Es handelt sich um mündlich erzählte Erinnerungen, und Erinnerungen können bekanntermaßen auch sehr trügerisch sein. Aber, und das ist wichtig, auch falsche Erinnerungen prägen das Weltbild, die Weltsicht. Mythen, die über die jeweils andere Volksgruppe im kollektiven Gedächtnis kreisen, prägen das heutige Verhalten und gegenseitige Verhältnis mindestens ebenso wie die wirklichen historischen Ereignisse.

Die Ausstellung schafft etwas bisher Einzigartiges: sie läßt die Menschen auf beiden Seiten selbst zu Wort kommen. Sie respektiert ihre Erinnerungen, ihre Deutungen, ihre Wertungen. Sie lädt die früheren und heutigen Bewohner der Pfarrgemeinde Bruck ein, einander näher kennenzulernen.

Das Wissen übereinander soll, so die Hoffnung der Ausstellungsmacher, es erleichtern, die Erfahrungen und Deutungen des anderen gelten zu lassen, ohne sie mit den eigenen zu erdrücken, das Leid und die Trauer des anderen anzuerkennen, ohne sofort auf eigenes zu verweisen. Und natürlich will die Ausstellung dazu beitragen, die jeweils eigene Weltsicht von ihrem Absolutheitsanspruch zu lösen, Gewißheiten in Frage zu stellen und auch den Anteil der eigenen Seite an den furchtbaren Ereignissen zwischen 1938 und 1947 kritisch zu betrachten.

Nötig ist eine offene und ehrliche Auseinandersetzung mit der Geschichte, die sich nicht nur auf die Universitäten beschränkt, sondern die die Menschen selbst erreicht. Nichts ist dazu besser geeignet, als das Erforschen, Dokumentieren und Darstellen von Lebensgeschichten ganz „normaler“ Menschen mit ihren unterschiedlichen Schicksalen, Meinungen, Schwächen und Stärken und mit ihrer freiwilligen oder unfreiwilligen Verstrickung in die Geschichte.

Es gehört zur Verantwortung der Erlebnisgeneration auf beiden Seiten, sich ihrem damaligen Anteil an der Geschichte zu stellen und ihre Erinnerungen und Reflexionen mit der nachfolgenden Generation zu teilen. Nur dann gewinnt sie an Glaubwürdigkeit. Nur damit eröffnet sie den jüngeren Generationen einen freien Raum, in dem diese selbst einen ehrlichen Weg des sudetendeutsch-tschechischen Miteinanders finden können.